Begrüßung durch das Team der NZN und durch das Freiraumbüro Halle, als Gastgeber der 4. Vor-Ort-Werkstatt. Inhaltlich lag der Schwerpunkt bei den Beispielen und Inputgeber:innen auf dem Punkt Verstetigung von Zwischennutzungen.
Thomas Mirtschink, Teamleiter im Fachbereich Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung der Stadt Halle, hieß die Teilnehmenden offiziell im Namen der Stadt willkommen. Er gab Einblicke in die städtischen Aktivitäten im Rahmen des Bundesprogramms „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren (ZIZ)“, insbesondere in die Zusammenarbeit mit dem Freiraumbüro Halle zur Aktivierung von Leerständen.
Ein besonders sichtbares Beispiel war die temporäre Zwischennutzung des leerstehenden Galeria-Kaufhof-Gebäudes am Marktplatz 20 als Kulturkaufhaus. Dort fanden vom 18. November bis zum 6. Dezember 2023 an 15 Aktionstage hinweg rund 40 Veranstaltungen statt – darunter Workshops, Theateraufführungen, Konzerte und Bildungsformate.
Die Nutzung wurde über das ZIZ-Programm gefördert und diente als Impulsgeber für neue Formen kultureller Nutzung im Innenstadtbereich. Die temporäre Bespielung demonstrierte beispielhaft, wie ehemals kommerzielle Flächen durch kreative Zwischennutzung neue Relevanz und Aufenthaltsqualität gewinnen können. Die Umsetzung erfolgte in enger Zusammenarbeit zwischen der Stadt, dem Freiraumbüro und zahlreichen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen.
Im Anschluss diskutierten die Anwesenden über Leerstandsstrategien, wie Anreize und Sanktionen für Eigentümer:innen und es wurde die Frage diskutiert, wie man mit den Eigentümer:innen in Kontakt kommt.
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Der erste Input erfolgte durch Phillipp Baumgarten. Der Fotograf, Künstler, Autor und Initiator vieler verschiedener Projekte und Initiativen berichtete über verschiedene Projekte, die er in den vergangenen 20 Jahren angeschoben und mitgegründet hat. Er hob hervor, dass gerade der ländliche Raum in Ostdeutschland mit seinen schrumpfenden Orten und leerstehenden Räumen ein großes Potential bietet, selbst aktiv zu werden, während in vielen Städten der Raum knapp wird und die Entfaltungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind. Er beschreibt, dass es gerade in ehml. Industriestädten der DDR darum gehe auch Visionen für Gebäude nach der Abwanderung der Industrien zu entwickeln um das Bewusstsein, für die Industriedenkmäler zu schaffen und diese mit neuen Programmierungen zu füllen. Ein Projekt ist das Kloster Posa in Zeitz, ein historisches Kloster, welches durch einen gemeinnützigen Verein zu einer Kultur- und Bildungsstätte transformiert wird, um die Bausubstanz zu erhalten und dort Akteuren auf der kultur- und Kreativwirtschaft Raum zu geben. Inwzwischen wurden auch landwirtschaftliche Flächen, wie ein Weinberg reaktiviert. Ausgehend von diesem Projekt gibt es auch etliche Ausstellungen und Zwischennutzungen in Zeitz selbt.
Im Anschluss an den ersten Impuls stellten Lorenz Köhler und Anna Weiß von der Initiative neuerdings ihr Konzept für die Neustädter Markthalle in Dresden vor. Die Initiative verfolgt das Ziel, die derzeit nur teilweise genutzte Markthalle durch kreative und gemeinwohlorientierte Formate neu zu beleben.
Im Zentrum steht die schrittweise Aktivierung leerstehender Flächen, insbesondere im Untergeschoss der Halle. Mit einem flexiblen Nutzungskonzept sollen diese zunächst durch kurzfristige Aktionen wie Pop-Up-Events, Co-Working-Formate oder kleine Kulturveranstaltungen getestet werden, bevor sich mittel- und langfristige Formate etablieren. Dabei geht es nicht nur um die Nutzung an sich, sondern darum, die Halle zu einem offenen Ort des Verweilens, der Teilhabe und der kreativen Sichtbarkeit zu entwickeln.
Auch ein öffentlicher Beteiligungsprozess wurde angestoßen: In einem Workshop unter dem Titel „Treffpunkt der Zukunft“ sammelten Bürger:innen Ideen für temporäre Nutzungen – von Sauna bis Konzertsaal. Diese flossen in die Konzeptentwicklung ein. Erste Veranstaltungen und Netzwerktreffen fanden bereits innerhalb der Markthalle statt und zeigten das Interesse und Potenzial der Nachbarschaft und Dresdner Stadtgesellschaft.
Das Projekt dient somit nicht nur der Wiederbelebung eines historischen Gebäudes, sondern auch als übertragbares Modell für andere Städte – wie leerstehende zentrale Immobilien durch partizipative und temporäre Nutzung neue Impulse erhalten und langfristig umgenutzt werden können.
Vor dem Abschluss des ersten Tages folgte dann eine Erkundung der Schwemme mit der Vereinsvorsitzenden Johanna Voll und dem Architekten Christian Hartwig des Projekts, die den Teilnehmenden die Struktur des Projekts und seine Ziele aufschlüsselten. Sehr interessant war dabei das starke freiwillige Engagement, welches z.B. in Bauworkshops genutzt wird. Insgesamt ist das Projekt, das aus einer Zwischennutzung gestartet ist, inzwischen fest verankert und Preisträger des New European Bauhaus Awards. Inzwischen existiert auch eine Mikrobrauerei, die an die ursprüngliche Funktion der Schwemme anknüpft.
Für die Restauration des Gebäudeteils, der zuletzt durch einen Brand stark beschädigt wurde, hat die vereinsgeführte Schwemme das Konzept der Lehmbau Fach- und Laienbildungsstätte entschieden und bietet Workshops zum Thema Lehmbau an.
Mit Stephan Schirrmeister ging es anschließend in die Häuser Goldener Pflug und Goldene Rose. Diese beiden historischen Gebäude konnten durch den Verein Haushalten Halle e.V. vor dem Verfall gerettet werden. Im ersten Schritt wurden die Gebäude zwischengenutzt bis eine Finanzierung für einen Umbau gefunden wurde. Beide Gebäude befinden sich derzeit in dieser Umbauphase. Langfristig konnte auch gesichert werden, dass die Gebäude mit einem festen Mietzins öffentlichkeitswirsamen, gemeinnützigen oder kulturellen Akteuren zur Verfügung gestellt werden. Haushalten Halle e.V. möchte historische Bausubstantz erhalten und gleichzeitig Nutzungen etablieren, die in die Stadtgesellschaft wirken.
Am zweiten Tag der Vor-Ort-Werkstatt starteten wir in den Räumen des Freiraumbüros im Hallenser Paulus Viertel. Nach einem kurzen Einblick in die verschiedenen Aufgabenfelder des Freiraumbüros und einem Abriss der Genese des Jugendtreffs H20, dem Haus, in dem unter anderem das Freiraumbüro seine Räume hat, begaben wir uns auf eine Exkursion durch das Viertel zum Projekt Galle. Dieses befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen städtischen Lehrgärtnerei und ist als soziokulturelles Zentrum Ausgangspunkt und Treffpunkt für viele einzelne Initiativen, Projekte und Einzelpersonen, die in Halle auf der Suche nach einem Freiraum sind.
Nach der Exkursion in Halle gab es Kurzinputs aus dem Netzwerk.
Sarah Metz, Kulturraumagentin aus Kassel, stellte „das Gewächshaus“ vor – einen partizipativen Bildungs-, Begegnungs- und Gestaltungsort für Familien mit Kindern im Vorschul- und Grundschulalter. Das Projekt ist seit rund zwei Jahren aktiv und verbindet künstlerische und soziale Formate (Workshops, Public Daycare, nachhaltige Bildung) in der Innenstadt von Kassel.
Außerdem präsentierte sie das Reallabor des Zentrums für Kreativwirtschaft Kassel (ZfKW). Das Zentrum, getragen von Glasdach e. V., startete im Frühjahr 2025 mit einem Showroom und Veranstaltungsraum in Wolfsschlucht 18A sowie einem Workspace-Angebot für Kreativschaffende. Das Konzept wird bis Ende 2026 über städtische und Bundesmittel gefördert.
Paola Wechs, u.a. Radar Frankfurt, stellte das Projekt “Sossenheim einrichten” vor. In diesem aktivieren sie im Rahmen der Maßnahmen eines Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes einen Leerstand - ehmal. Sparkasse- im Quartier Sossenheim. Hier finden wechselnd Aktivitäten statt auf die sich Akteure bewerben können. Diese Aktivitäten können wiederholdende Events oder einmalige Events sein. Hierfür schafft RADAR die organisatorischen Rahmen. Der Zugang kann inzwischen mit einem Schließsystem geregelt werden.
Andrea Nickisch vom Netzwerk Zukunftsorte e.V. stellte drei Projekte aus dem eher ländlichen Raum vor. Das Haus mit Zukunft in Angermünde ist ein zivilgesellschaftlich getragener Verein, der eine ehemalige Villa mit Raumstipendien das kulturelle und gesellschaftliche Leben in Angermünde bereichert. Das Makerhub Netzwerk in Neukirchen nutzt ein ehemaliges Autohaus als temporären Veranstaltungsraum der langfristig zu einem kulinarischen Makerspace verwandelt werden soll. Das Makerspace Fichtel Lab ist ein Pop-Up Makerspace, der von Leerstand zu Leerstand im Landkreis Fichtelgebirge wandern kann. So werden digitale Techniken und Formate in den ländlichen Raum zu den Menschen gebracht.
Zum Abschluss fanden sich die Teilnehmer:innen zu einem gemeinsamen Workshop zu den Themen, wie es mit dem Netzwerk weitergehen soll und zum Thema Policy Paper zusammen. Hierzu sollten zum Thema Netzwerk Bausteine gefunden werden die am Ende dafür sorgen, dass das Netzwerk zukünftig weiterbestehen bleibt und wertvollen Austausch ermöglicht. Dazu soll es mindestens einmal im Jahr ein Vor-Ort Treffen des Netzwerks geben. Dies kann auch im Rahmen von geplanten Konferenzen von Mitgliedern des Netzwerks angedockt werden. Das Netzwerk sollte auch das Teilen von Dokumenten, Hilfen zur Umsetzung, beispielhafte Konzepte und Organigramme erhalten und ollen laufend ergänzt werden. Zudem wurde auch ein symbolischer Zwischennutzungsaward diskutiert, der als Auszeichnung besonders gelungener Zwischennutzungen vergeben werden könnte.
Zum Thema Policy Paper wurde der bestehende Entwurf des Papiers ergänzt. Vor allem wurde der Punkt Verstetigungsstrategien weiter gestärkt. Hier flossen die Ergebnisse in das bestehende Papier mit ein.